safer city Dubiose Schutzmänner:
Private Sicherheitsfirmen beschäftigen nicht selten gerichtsbekannte Neonazis


Von Andrea Röpke / Helmut Lorscheid
aus der Antifa-Beilage der Tageszeitung 'Junge Welt' vom 27.8.2003


Dubiose Schutzmänner
Private Sicherheitsfirmen beschäftigen nicht selten gerichtsbekannte Neonazis

Die Zahl privater Sicherheitsfirmen hat sich seit 1989 mehr als verdoppelt. Waren es damals noch etwa 700, so sind es heute fast 1500 Dienste mit rund 250000 Beschäftigten. Medienberichten zufolge hat es immer wieder rassistische oder gewalttätige, politisch motivierte Übergriffe durch unqualifiziertes Wachpersonal gegeben. Doch nur in Einzelfällen ist den Vorwürfen nachgegangen worden.

Recherchen zeigen jedoch, daß Security-Leute nicht nur immer häufiger aussehen wie Neonazis, sondern daß nicht wenige tatsächlich der rechten Szene angehören. Vorstrafen sind für die Firmen bei der Einstellung von Neuen häufig kein Problem, Überprüfungen finden kaum statt. Obwohl private Dienstleister im Sicherheitsbereich mit immer mehr Machtkompetenzen ausgestattet werden, fühlen sich Polizei, Verwaltung und Verfassungsschutz nicht zuständig. Eine gefährliche Entwicklung, wie einige Beispiele zeigen.

So beschäftigt der Wachdienst Zarnikow im brandenburgischen Rathenow immer wieder gerichtsbekannte Rechtsextreme aus dem vom brandenburgischen Verfassungsschutz beobachteten Umfeld der »Kameradschaft Hauptvolk«. Nachweislich arbeiteten Neonazis wie Maurice Kindt, Daniel Kuhn, Jens Riedel und Christian Wendt zivil oder in schwarzer Firmenuniform für René Zarnikow. Sie sind im Einsatz, wenn in der Umgebung Volksfeste gefeiert werden, oder sie sichern Besuche politischer Prominenz wie den des bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) und des brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm (CDU) während des Bundestagswahlkampfes im vergangenen Jahr ab. Christian Wendt wurde erst kurz vor seinem Wachdiensteinsatz aus dem Gefängnis entlassen. Er war zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt worden, weil er gemeinsam mit anderen Neonazis einen Bosnier in Rhinow halb totgeschlagen hatte. Daniel Kuhn ist wegen Waffenmißbrauchs und Körperverletzung vorbestraft.

Lange Zeit durften Zarnikows Leute auch für die Sicherheit des örtlichen Asylbewerberheimes sorgen. Die Arbeiterwohlfahrt als Betreiberin des Heims sowie Stadt- und Landkreisverwaltung sahen darin kein Problem. Dabei war unter den dort immer wieder eingesetzten Wachmännern Jörgen Ceppok, ein langjähriger Angehöriger der örtlichen rechten Szene. Viele Flüchtlinge fühlten sich von den Sicherheitsleuten eher überwacht als beschützt.

Ein Heimbewohner erinnert sich an einen nächtlichen Vorfall, als er auf dem Flur des Flüchtlingsheims stand und um Ruhe bat. Die glatzköpfigen Freunde des diensthabenden Securityvertreters griffen ihn an, wurden dann jedoch noch von dem Wachmann aufgehalten. Es blieb bei Beleidigungen. Erst unter dem Druck von Medienberichten sahen sich das Potsdamer Innenministerium und das Sozialressort genötigt, eine erneute Überprüfung der Firma Zarnikow anzuordnen, denn auch das Landesamt für Verfassungsschutz hatte Erkenntnisse über den politischen Hintergrund einiger Mitarbeiter des Unternehmens gewonnen. Inzwischen bewacht eine andere Firma das Rathenower Flüchtlingsheim.

Den letzten bekannten Zwischenfall mit der berüchtigten Firma soll es Ende Juni in Premnitz gegeben haben. Ein Teilnehmer eines Abiturientenballs erstattete Anzeige wegen Körperverletzung gegen einen ortsbekannten Neonazi, aber auch wegen unterlassener Hilfeleistung gegen einen der tätowierten Wachschutzleute.

Einer der Pioniere in der Sicherheitsbranche ist Hans Hinrich Karck aus Kiel. Seine »Safe- Unternehmensgruppe« hat inzwischen Niederlassungen vor allem in den neuen Bundesländern. In Rathenow arbeiten die Firmen »Safe« und »Zarnikow« gelegentlich zusammen. »Safe«-Gründer Karck pflegte nebenbei seine politischen Aktivitäten. So gehörte er Mitte der 90er Jahre zu den Medienberichte über rassistische Aktivitäten und Strukturen, Strafverfolgung rechter Gewalttaten und antirassistische Arbeit Organisatoren von Treffen der »Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger« im bayrischen Hammelburg. Im April 2002 organisierte Karck gar ein klandestines Treffen von Anhängern und Fans der »Leibstandarte Adolf Hitler« in Kassel. Als Anmelder der Zusammenkunft fungierte eine »Kameradschaft Strathmann«.

Die Magdeburger Landesbehörde für Verfassungsschutz warnt sogar vor Kommerzialisierungsversuchen des militanten »Selbstschutz Sachsen-Anhalt (SS/SA)« des Neonaziführers Mirko Appelt aus Salzwedel. Im Verfassungsschutzbericht des Landes wird darauf verwiesen, daß die Gruppierung sich via Internet um Security-Aufträge bemüht. Sie bezeichnet sich als einen »nicht gewerblichen Zusammenschluß aus geschulten Personen, die in ihrer Freizeit Ordnertätigkeiten ausüben«. Angeboten werden »Ordnerdienste auf Saalveranstaltungen und Demonstrationen sowie jede andere Tätigkeit aus dem Ordnerdienst«. Appelt prahlt gern mit zahlreichen privaten Aufträgen. Angeblich waren Appelts Mannen auch bei Großveranstaltungen mit bis zu 1000 Besuchern engagiert. »SS/SA«-Kameraden stehen als Türsteher vor Diskotheken. Wer reinkommt, entscheiden die Neonazis.

Dieses Treiben zeigt bereits Wirkung. Beim Verein »Miteinander – Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt e.V.« haben sich immer wieder Jugendliche gemeldet, die erklärten, sie seien von Personen »aus dem Umfeld des SS/SA« bedroht worden. Unterdessen arbeitet Appelt an der Ausdehnung seines Einflußgebietes: »Selbstschutz«-Truppen sollen auch in Sachsen entstehen.

Auch in den alten Bundesländern sind Neonaziaktivitäten oftmals kein Hindernis für eine Tätigkeit im Security-Bereich. In Göttingen gab es Ende Juni eine Studentenkundgebung gegen den Präsidenten der Universität am Wilhelmsplatz, weil der den NPD-Funktionär Daniel Hubert als Wachmann auf dem Campusgelände eingesetzt haben soll. Hubert ist kein rechter Mitläufer: Er kandidierte zuletzt 2001 bei den Kommunalwahlen für die NPD und führte im Mai diesen Jahres einen Neonaziaufmarsch in Hannover mit an.

Auffällig häufig sollen Neonazis bei Sicherheitsfirmen im thüringischen Gera eingestellt werden. Das Internetcafé der Geraer Kreissparkasse habe sich zu einem Treffpunkt von Neonazis entwickelt, berichten Jugendliche. Die Glatzen treffen sich dort demnach mit Wachleuten der Firma »Pollux«. Sowohl gegen »Pollux« als auch gegen den Geraer Wachschutz »Patrol« wird schon seit längerem der Vorwurf erhoben, Pauschalkräfte aus dem rechten Spektrum zu beschäftigen. Die Lokalzeitung berichtete im letzten Jahr über einen rechten Schlägertrupp bei einem Wohngebietsfest. Einer der Hauptverdächtigen soll dem Bericht zufolge bei einer Geraer Wachdienstfirma beschäftigt gewesen sein.

Nur selten treten politische Hintergründe gewaltsamer Übergriffe von Sicherheitsbediensteten so offen zu Tage wie im Jahr 1999, als in Hamburg zwei Angehörige des privaten S-Bahn- Wachschutzes den Sprayer Walter F. faßten und krankenhausreif schlugen. F. wurde damals ins Aufsichtsbüro des S-Bahnhofs Holstenstraße gezerrt und geschlagen und nach eigenen Angaben dabei aufgefordert, »Sieg Heil« z  schreiben. Die Hamburger Morgenpost griff den Fall auf und schilderte in diesem Zusammenhang auch die Erlebnisse anderer S-Bahn-Fahrgäste mit dem Wachschutz. Berichtet wurde darüber, daß beim  S-Bahn-Wachschutz der »Hitlergruß zum Dienstbeginn« üblich sei, daß die Wachleute Schwarzfahrer im Hundezwinger einsperrten – zusammen mit dem dazugehörigen Tier – und daß sie regelmäßig Fahrgäste schlugen. Doch schon bald ebbte das Interesse an den rechten Umtrieben im Hamburger Nahverkehr wieder ab.

Das Sicherheitsgewerbe hat sich unterdessen zur attraktiven Einkommensquelle vieler kampfsportgestählter Neonazis entwickelt. Für »Recht und Ordnung« sorgen zu können, politische Macht auszuüben und die rechte Szene mit Hilfe der Einkünfte darüber hinaus auch noch finanziell zu unterstützen, diese Chance fassen immer mehr Neonazis beim Schopf, und in vielen deutschen Städten haben sie ungehindert Zugang zu Sicherheitsdiensten. Der Bundesverband des Wachgewerbes BDWS sieht keinen besonderen Handlungsbedarf. Demgegenüber hat das Bundesamt für Verfassungsschutz Mitte letzten Jahres unter den Landesämtern eine Umfrage zum Thema »Rechtsradikale in Wachdiensten« gestartet. Ein offizielles Statement gibt es dazu nicht. Nur soviel war aus der Pressestelle des Amtes zu erfahren: »Wir beobachten und prüfen diese Entwicklung im Rahmen der Sicherheit«.

Die Zeitschrift blick nach rechts, in der Anfang des Jahres ein Beitrag der Autoren zum gleichen Thema erschien, informiert seit 1986 alle zwei Wochen über Entwicklungen in der rechten Szene, Medienberichte über rassistische Aktivitäten und Strukturen, Strafverfolgung rechter Gewalttaten und antirassistische Arbeit seit 1996 auch im Internet (www.bnr.de). Das Jahresabonnement kostet 75 Euro, ein Probeabo (sechs Ausgaben) 13 Euro zzgl. Porto. Bestellung online möglich. Redaktionsadresse: 10963 Berlin, Stresemannstr. 30, Tel. 030/25594-174

Andrea Röpke ist freie Journalistin und seit 1995 insbesondere mit Recherchen im Bereich Rechtsextremismus befaßt. Veröffentlichungen u.a. im Stern über Jörg Haider und den verschwiegenen Massenmord an den Babys von Zwangsarbeiterinnen, in Spiegel und focus sowie Dokumentationen für die ARD-Sendungen »panorama« und »frontal 21«. Autorin bei Der Rechte Rand und blick nach rechts. Buchveröffentlichung mit Oliver Schröm: »Stille Hilfe für braune Kameraden« (Christoph Links Verlag, Berlin 2001, 200 Seiten, im Buchhandel vergriffen) Helmut Lorscheid ist freier Journalist in Bonn und erarbeitet Beiträge für die ARD-Magazine Markt im Ersten, Plus Minus, Monitor, Panorama und recherchiert für ARD-Features



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