Pose und PanikPose und Panik
von den Ausfransungen einer Jugendkultur
Rock ist lange tot und Techno diffundiert zunehmend ins Nirgendwo zwischen vollgepisstem Tiergarten und zurückgezogenem Clubdasein. HipHop - die letzte große Jugendkultur, die den Sprung ins neue Jahrtausend geschafft hat? In weiten Hosen und mit großen Sprüngen? Nicht nur Oli "gib mir mein Lied zurück" P. stolperrappt sich chartstabil das Zahnweiß aus der Gesichtsprothese. Spätestens mit Southpole ist auch bei Karstadt der Underground angekommen.
Es disst und dichtet sich durch alle Kanäle, mit subkultureller Sprengkraft ist´s da nicht mehr weit. Doch auf der anderen Seite grient der Bürgerschreck. Seit Jahren schon findet eine bizarre Jagd auf die Sprayerszene statt. Doch was hat die HipHop Community mit illegalen Schmierfinken zu schaffen, könnte der naive Geist denken. Einiges, indeed. Auf dem Wall Street Meeting, dem größten Treffen der europäischen HipHopper, das kürzlich im Wiesbadener Schlachthof stattfand, wurde nämlich mit fliegenden Steinen das ungeschriebene Gesetz der Gewaltfreiheit gebrochen. Die umgebenden Gebäude des Schlachthofes als Zentrum der Hip Hop-Kultur werden nun mit ziemlicher Sicherheit abgerissen, was ungefähr so ist, als sage man die Fußball-WM wegen ein paar randalierender Hooligans ab.
Auch in Kassel geht nicht viel im Land des friedlichen Dialogs. Als die HNA, ansonsten Garant für aus Ungenauigkeit und gönnerhafter Sympathiebekundung gemischte Hip Hop-Berichte, einen lobenswerten Runden Tisch zum Sprayer-Thema organisierte, machte der durchaus nicht nur für Dumpfbackigkeiten bekannte Polizeipräsident Wilfried Henning klar, dass er den Sinn legaler Freiflächen nicht sehe und jeden strafrechtlich verfolge, der "nur einen Zentimeter über die ausgewiesenen Flächen" hinaus sprühe. Dass Politik mit dem Zollstock nicht zu den cleversten Optionen gehört, wissen wir jedoch spätestens seit Anfang dieses Jahrhunderts, als Form und Größe von Köpfen nachgemessen wurde.
Die Arbeitsgemeinschaft Kritischer Polizistinnen und Polizisten fragt denn auch, was legale Freiräume für Graffitikünstler bringen, "wenn die Polizei sie zur Erkenntnisgewinnung missbraucht". Will sagen, dass vor knapp zwei Jahren in Kassel eine SoKo "Sprayer" installiert wurde, die an den legalen Flächen Giesenallee, Schenkebier Stanne und Goetheanlage Sprayer aufgegriffen hat und Hausdurchsuchungsbefehle orderte. So sollte die Spur der Sprüher auf die illegalen Flächen zurückverfolgt werden. Wen wundert´s, dass die potenziellen "Kriminellen" sich im Anschluss von den legalen Flächen zurückzogen, auch weil es an den illegalen sicherer war.
Experten wie Barbara Uduwerella oder Axel Thiel begreifen solche Kanonen-Spatzen-Relation nicht. Dass durch Repression Motivation entsteht, ist für den Kasseler Graffiti-Forscher selbstverständlich. Seiner Ansicht nach ist es ein großer Fehler, in einer Mischung aus Kontrollbedarf, Bürokratie, Angst und Rechtsstaat Inhalte und Hintergründe der Graffiti-Kultur völlig zu vergessen. Wandbemalung, die letztlich eine Jahrtausende währende Geschichte hätte, dokumentiere gerade heute das elementare Bedürfnis, der eigenen Stimme Ausdruck zu verleihen. Durch repressive Politik laufe man Gefahr, so Thiel, dass die symbolische Waffe zu einer realen werde. Die Kriminalisierung sei so, als wolle man eine Infektion durch eine Amputation therapieren. Die Verknappung des öffentlichen Raumes durch zunehmende Privatisierung insbesondere der Innenstädte sollte man in diesem Zusammenhang nicht vergessen.
In Kassel gibt es aber auch andere Ansätze. Die Stadt und dort besonders der ansonsten eher Justiz-Hardcore fahrende Bürgermeister und Jugenddezernent Ingo Groß hält weiterhin am Konzept der legalen Flächen fest. Ein weiterer Ansatz bestünde darin, Graffiti als urbane Kunstform anzuerkennen, um so Qualität und Profilierung zu fördern und Integration zu ermöglichen. Dann spätestens wäre es auch an der Sprayer-Szene, im wörtlichsten aller Sinne Farbe zu bekennen.
Boris Bouchon vom Kasseler Sprayer-Laden "Unity" zieht Legalität auch Illegalität vor, doch letztlich komme die Graffiti-Kultur so oder so in die Stadt. Was vorhanden sei, könne auch nicht wegkriminalisiert werden. Der feine Unterschied bestehe nur darin, ob man Verunstaltungen neutral nach der Größe des Schadens verfolge oder unter dem Aspekt der Sachbeschädigung eine moralische Hetze betreibe. Obwohl völlig konfliktfreie Verhältnisse wohl auch aufgrund der Heterogenität der Sprayer-Szene nicht zu erreichen sind.
Weniger ausgefranst präsentiert sich der Rest der Kasseler HipHop-Szene. Man sei zwar von der Sprayer-Diskussion betroffen, erklärt Thorsten Solf von der Agentur "Fulle Coast". Doch letztlich habe man auch eine Distanz entwickelt, weil viele Kids einfach ihre Tags streuten, um in zu sein und sich damit nicht um die eigentlichen Roots kümmerten. Außerdem verliere man locations und Sympathisanten durch solches Posing. Steffen Krüger, der in seinem Laden "Jewelz" mit kleineren Labels versucht, der Durchkommerzialisierung der Hip Hop-Ästhetik entgegen zu wirken, weist auf die Ambivalenz des Themas hin. In einer Jugendkultur gehe es einerseits um Subversion, andererseits betrieben viele der Jüngeren das wilde taggen eben nur als Pose. Diesen Unterschied unterstreichen Solf und Krüger auch in Bezug auf die gesamte HipHop-Szene. Es gebe sehr viele Showroom-Hip-Hopper, auf die auch der ganze HipHop-Hype inklusive seiner Mainstreamprodukte und pubertär-prolliger Lyrics zugeschnitten sei. Für die anderen sei HipHop aber ein Grundgefühl, das es auszuleben gelte.
Dazu trifft man sich vor allem im Unity, Jewelz, Querbeat oder in der Hall of Fame an der Autobahnbrücke Giesenallee. Derzeit wird versucht, die unterschiedlichen Szenen von Breakern wie "Second Home" über die Skater von "Mr. Wilson", MCs, DJs und Rapper wie "34128-Posse", "s´DudiYo!Crew", "Boogie Knights" oder "Die Kapuziner" zusammen zu bekommen. Die Häufung der Veranstaltungen der letzten Monate beweist, dass dieser Zug in die richtige Richtung fährt. Trotz 4000 bis 5000 Leuten auf der 1.-Mai-Jam und einer ebenfalls erfolgreichen Code Rap-Jam in Fritzlar setzen Thorsten Solf und Steffen Krüger aber vor allem auf kleine Events. "Auch wenn die größeren Sachen für mehr Öffentlichkeit sorgen", wie Steffen Krüger anmerkt. Aber eben auch für den Ausverkauf. Womit wir wieder bei der Love Parade wären.
Infos:
04.08.2000: Back in Town-Party zum Schulbeginn, Factory
08.09.2000: Jam im Fritzlarer JZ mit Tefla und Jaleel
Kontakte:
www.fullecoast.de
www.unityshop.de
www.hiphop.de
http://users.aol.com/archive1/
online seit: 26. August 2000 | Feedback